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| 30 Jahre Überschreiten der Grenzen des Wachstums |
Vor gut 30 Jahren warnte ein Bericht an den Club of Rome davor, dass die Weltwirtschaft auf Grenzen ihres Wachstums zusteuert. Vor gut 10 Jahren, anlässlich der Rio-Konferenz für Umwelt und Entwicklung, wiesen die Autoren darauf hin, dass diese Grenzen bereits überschritten seien und dass das globale Ökosystem dies nur für begrenzte Zeit verkraften würde. Nunmehr ist die dritte Studie erschienen, die sich mit der Frage befasst, welche Entwicklungspfade die Fähigkeit des Ökosystems nicht überfordern, sich wieder zu erholen.
Wir dokumentieren einen gekürzten Artikel von Craig Morris:
Nach 30 Jahren kommt das zweite Update für "Die Grenzen des Wachstums"
Vor mehr als dreißig Jahren erschien aus der Feder von drei Forschern am Massachusetts Institute of Technology "Die Grenzen des Wachstums" im Auftrag des Club of Rome - kurz vor der ersten Ölkrise 1973. Seitdem ist die Weltwirtschaft unglaublich weiter gewachsen, und Skeptiker weisen darauf hin, dass uns das Öl keineswegs ausgegangen ist. Nun ist nach der zweiten Ausgabe von 1992 ("Die Neuen Grenzen des Wachstums") die dritte auf englisch im Juni 2004 erschienen - mit dem Untertitel "The 30-Year Update". Reden die Autoren immer noch davon, dass die Welt bald untergehen wird? Wenn ja, warum?
Die Verkünder der Botschaft, die Wirtschaft könne gar nicht ewig weiter wachsen, denn die Erde sei gar nicht endlos groß, stoßen auf Skepsis. Doch während die Botschaft selbst an sich theoretisch stimmen mag, bedeutet sie nicht viel, wenn wir noch 100.000 Jahre so wie bisher weiter wachsen können. Die eigentlich Frage lautet deshalb: Wie lange geht es noch?
Den drei Autoren vom MIT wird manchmal nachgesagt, sie hätten schon 1972 behauptet, in 30 Jahren wäre die Welt am Ende - kein Öl mehr, zu viele Menschen usw. Da man seit Jahren sehen konnte, dass uns kein solcher Weltuntergang unmittelbar bevorsteht, gilt "Die Grenzen des Wachstums" in manchen Krisen als bestes Beispiel der Weltfremdheit von Umweltschützern, die gegen jeden Fortschritt sind und uns am liebsten alle nur zurück in die Steinzeit schicken würden.
Die MIT-Autoren fühlen sich jedoch missverstanden, denn sie hätten überhaupt nichts vorhergesagt, schon gar keinen Weltuntergang in 30 Jahren oder das Ende des Erdöls in 30 Jahren. Stattdessen hätten die Autoren verschiedene Parameter in ihrem Computerprogramm verändert, um zu sehen, wie die Welt sich verändern würde, wenn z.B. bis 2020 die Welt 8 Milliarden Menschen zählt. Es gab also mehrere Szenarios.
Die zwei noch lebenden Autoren - Donella Meadows ist mittlerweile verstorben - weisen im Vorwort des 30jährigen Updates darauf hin, dass sie 1992 sogar viel pessimistischer als 1972 waren. In dieser dritten Ausgabe geht es den zwei Autoren vorrangig darum, Missverständnissen vorzubeugen und klarzustellen, dass sie nichts vorhersagen. Das dürfte ihnen wieder misslingen, denn die neun Szenarios weichen zwar voneinander ab, aber nur eines von ihnen könnte man als leicht optimistisch betrachten. In nur einem weiteren Szenario wäre die Welt akzeptabel, wenn auch ärmer; in allen anderen sieben geht es nur darum, ob der Kollaps vor oder nach 2050 eintrifft. In allen neun passiert ein "overshoot" - eine Überlastung der begrenzten Anpassungsfähigkeit der Natur.
Wichtige Begriffe
Zunächst sollte man sich darüber im klaren sein, worum es geht. Die Autoren haben nichts gegen Wachstum. Vielmehr ist Wachstum für sie keine Priorität. Es kann mehr Wohlstand mit sich bringen, aber genauso oft scheint Wachstum heute die Kluft zwischen Arm und Reich zu vergrößern. Deshalb betonen sie, man brauche nicht unbedingt mehr Wachstum, sondern mehr Entwicklung.
Entwicklung bedeutet, dass der Lebensstandard steigt. Dies ist möglich bei einer Stagnation ("Nullwachstum"), wenn die Effizienz steigt. Steigt die Effizienz schnell genug, kann selbst bei einer schrumpfenden Wirtschaft der Lebensstandard steigen.
Das Wachstum ist auch deshalb nicht zentral, weil die Knappheit von Ressourcen gar nicht darin enthalten ist. So sind zwar die Preise beispielsweise für Erdöl und Metalle in den letzten zweieinhalb Jahrzehnten gesunken, aber es steht auch außer Frage, dass wir weniger Erdöl und Metall als vor 25 Jahren haben. Die Preise wiederspiegeln nämlich nicht, wie viel noch vorhanden ist, sondern Angebot und Nachfrage. Erst wenn das Angebot, d. h. die Produktionsmenge, mit der Nachfrage nicht mehr Schritt halten kann, steigen die Preise.
Das kann kurz vor knapp passieren. Die Autoren benutzen folgendes Beispiel: Wenn Ihr Teich von einer Pflanze überwuchert wird, die jeden Tag zweimal mehr Platz einnimmt und insgesamt 30 Tage braucht, wann schreiten Sie ein? Am vorletzten Tag hat die Pflanze erst die Hälfte bedeckt; zwei Tage davor nur ein Viertel. Die Pflanze würde Ihnen wahrscheinlich überhaupt erst ein paar Tage vorher auffallen, bevor es zu spät ist.
Die Gleichung ist nett, aber schwierig ist es bei solchen Berechnungen, wenn sie tatsächliche Ereignisse wiederspiegeln sollen. So wird immer häufiger davon gesprochen, dass heute das größte Massensterben der Arten seit den Dinosauriern stattfindet. Die MIT-Autoren weisen jedoch darauf hin, dass wir nicht einmal annährend wissen, wie viele Arten es gibt: Schätzungen reichen von 3 bis 30 Millionen. Deshalb betonen die Autoren allgemein: "We cannot know these numbers for sure".
Overshoot/collapse
Wer Prognosen eines Weltuntergangs sucht, der findet viele in diesem Buch. Wälder sterben aus, das Erdöl geht uns aus, Fischbestände gehen zurück, usw. Gerade die Fischbestände sind interessant, denn sie illustrieren den wohl wichtigsten Begriff im Buch: overshoot.
Seit etwa 5 Jahren stagnieren die Fischfänge weltweit. Man befürchtet sogar, dass sie bald nur noch sinken werden, statt sich zu erholen. Fängt man mehr Fische als nachwachsen können, schrumpft die Basis - oder, wie die Autoren sagen, sie "erodiert". Man lebt sozusagen nicht mehr von den Zinsen, sondern vom Kapital selbst.
Trotzdem findet man heute genug Fische auf dem Markt, auch wenn sie immer teuer werden. Das liegt daran, dass in den letzten Jahren die Fischzucht geradezu explodiert ist. Das stellt ein großes Problem dar, denn - wie die Autoren schön formulieren - wilde Fische sind eine Nahrungsquelle, gezüchtete Fische eine Nahrungssenke, d. h. es kommt mehr hochwertige Nahrung in Zuchtfische hinein, als am Ende herauskommt. Wilde Fische fressen Pflanzen und Tiere, die die Menschen in der Regel nicht essen wollen, während Zuchtfische mit Agrarprodukten hochgepäppelt werden. Die Nahrungsbilanz bei der Fischzucht ist also negativ.
Wenn ein overshoot die Basis (fast) komplett vernichtet, so dass keine Erholung möglich ist, spricht man von einem Kollaps. Nicht jede "Grenzüberziehung" muss jedoch zu einem Kollaps führen. Es kann eine kurzfristige Fluktuation geben, und eventuell pendelt sich der Wert wieder ein - möglicherweise nicht so hoch wie früher, aber immerhin auf einem stabilen Niveau. Das Problem: Man merkt es nicht gleich, wenn man die Grenze überschritten hat, sondern erst später.
Was tun?
Möglicherweise wird sich kein einziges Szenario als richtig erweisen, weil das Modell (World3) nicht stimmt. Das Vorgängermodell kam schon 1973 unter Beschuss. Im Herbst soll die Software auf CD beim Sustainability Institute zu bestellen sein, damit man sich ein Bild davon machen kann (eine deutsche Ausgabe des Buches steht noch aus).
Die Autoren würde es nicht überraschen, wenn ihr World3-Modell nicht mit der Wirklichkeit ausreichend übereinstimmt. Sie wiesen darauf hin, dass vieles aus der wirklichen Welt gar nicht enthalten ist: Kriege, Korruption usw. Wichtig ist die überragende Botschaft. Es scheint, als würden wir jetzt schon über unsere Verhältnisse leben. Deshalb läuten die Autoren Alarm. Egal, ob man den Zahlen der Autoren glaubt, das Buch beweist eines: Wir müssen heute die Knappheit unserer Ressourcen exakt messen und auf Abstürze schnell reagieren. Tun wir dies nicht, werden unsere unmittelbaren Nachkommen eine verarmte Welt erben.
Craig Morris übersetzt im Bereich Energie und Finanzen bei petiteplanete.org.
Die vollständige Fassung mit Grafiken und weiteren Links finden Sie bei Telepolis.
Redaktion, 30.09.04 | | |
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